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 Ernährung und menschliche Entwickelung

Ulrike von Schoultz

 

Jeder Mensch weiß, dass Fehlernährung sehr ernste Konsequenzen haben kann. Die Gesundheit wird zerstört, der Lebenslauf bekommt eine unerwartete Wendung. Einsicht und Änderung der Gewohnheiten können doch oft zu entscheidender Besserung der Lebensqualität führen. Man könnte viele konkrete Beispiele finden, um die Behauptung zu belegen, dass die Ernährung eine entscheidende Rolle in jeglicher menschlichen Entwicklung spielt. Eine wesentliche Frage ist jedoch, welche Kriterien in der Ernährung berücksichtigt werden müssen, um sie als Voraussetzung und Stütze für die menschliche Entwicklung überhaupt ansehen zu können.

 

Menschenbild

Ein skizzenhaftes Menschenbild kann den Zugang zu dieser Frage öffnen. Der Mensch hat drei Bereiche in seinem Wesen, die physiologisch sehr deutlich voneinander zu unterscheiden sind:

-Im Kopf hat das Nervensystem mit dem Gehirn als Instrument für das Denken seinen zentralen Platz. Die Sinne sind diesem System zugeordnet, haben einen in die Außenwelt gerichteten Charakter. Man könnte sie – im Gegensatz zu Gehirn und Nerven - als mehr willensorientiert bezeichnen.

-Herz und Lungen mit Atmung, Herzschlag und Blutkreislauf sind ganz und gar einem gesetzmäßigen rhythmischen Geschehen hingegeben. Gefühle, die sich zwischen Sympathie und Antipathie bewegen, haben ihren Wohnsitz dort. Der Herzschlag liegt im Inneren, der Blutkreislauf geht bis an die Peripherie des Körpers.

-Das Verdauungssystem mit seiner nach innen gelegenen Bewegung gibt seine Kraft weiter an die nach außen gerichteten Gliedmaßen. Mit ihnen kann der menschliche Wille sichtbar in die Welt eingreifen, der Mensch tut etwas und schafft neue Bedingungen für die Zukunft.

 

Das Blut strömt durch alle Bereiche und nimmt auf, was im ganzen Organismus vor sich geht. Hier trifft sich der Sinnesstrom, die Summe der Sinneswahrnehmungen mit dem, was im Herzen vor sich geht und auch mit dem, was in der Verdauung durchgearbeitet worden ist. Der Blutstrom kann als Spiegel für den ganzen Organismus gelten. Durch den kleinen und großen Blutkreislauf vollzieht sich eine Verbindung des Nerven-Sinnesbereiches (Kopf) mit dem unteren Menschen (Bauch), mit Verdauung und Stoffwechsel sowie umgekehrt. Das Herz im mittleren Menschen öffnet sich der Umwelt durch die Atmung mit den Lungen und nimmt durch den Blutstrom den unteren und oberen Menschen gleichzeitig wahr.

 

Die Bedeutung der Sinne in der Ernährung

Was geschieht nun in der Ernährung im Sinnesbereich? Wir essen mit den Augen, dem Geruchsinn, dem Tastsinn, dem Wärmesinn und lassen dann den Geschmack das letzte Wort sagen. Außerdem erleben wir unseren eigenen Körper ganz verschieden, wenn wir unterschiedliche Speisen zu uns nehmen: Nüsse oder Pudding, Weintrauben oder ein Stück Fleisch. Die Eigenbewegung im Kauen ändert sich mit jedem Lebensmittel, der Gleichgewichtssinn wird beim Puddingessen anders mitschwingen, als bei Haselnüssen oder gar Knäckebrot. In Schweden hat man einen Ausspruch, der das Knäckebrotessen mit "Roggen im Rücken” beschreibt. Der Lebenssinn wird durch Fleisch wesentlich anders angesprochen als durch Weintrauben. Bei Weintrauben kann man auch sehr gut die Beteiligung des Gehöhrsinns wahrnehmen. Das Geräusch des Aufspringens der Traube beim Draufbeißen ist schon der halbe Genuss. Deutlich ist auch die Teilnahme des Wortsinnes. Die „Sprache“ des Kochs oder der Köchin wird durch den Charakter der Mahlzeit wahrzunehmen sein. Ebenso werden buchstäblich alle Gedanken, die im Zubereitungsprozess mitgewirkt haben, „aufgegessen“ zusammen mit der inneren Haltung als qualitätsschöpfendem Faktor. Zuletzt kann jeder aufmerksame Essensgast sofort “schmecken”, ob künstlerisches Engagement im Essen als Ausdruck des schöpferischen Menschen und seines Ichs die Mahlzeit geprägt haben oder ob Routine am Werke war. Alle zwölf Sinne sind in ihren Tierkreisqualitäten* gegenwärtig und geben dem Essen seine nährende Kraft. Diese Sinneserlebnisse fließen zusammen in der gerichteten Aufmerksamkeit und werden weitergetragen zum Herzen. Hier wird das Gefühl ganz stark in Anspruch genommen und begleitet die Mahlzeit mit einer großen Portion Sympathie. Dann erst ist die Verdauung bereit, analysierend einzugreifen, um den Zerstörungsprozess der Lebensmittel durchzuführen. Warum essen wir eigentlich so viel? Weil es eine unaufhörliche Arbeit braucht, um den eigenen Leib geistgerecht, das heißt, entwicklungsfähig zu halten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Kulturpflanze – Substanz- und Geschmacksbildung

Die gesunde Kulturpflanze gibt erst den ersten richtigen Anstoß für die menschliche Abbauarbeit. Wodurch zeichnet sie sich aus? Eine Kulturpflanze ist eine vom Menschen für den Menschen veredelte Pflanze. Die Wildpflanze dagegen ist auf die eigene Fortpflanzung, d.h. Samenbildung ausgerichtet. Die Kulturpflanze schiebt eine besondere Fruchtbildung vor die Samenentstehung. Hierbei wird großes Gewicht auf die Bildung nahrhafter Substanzen und von artgerechtem Geschmack gelegt. Die Fruchtbildung ist eine Art von Stauung, die nicht nur in der botanischen Frucht, sondern auch in anderen Pflanzenteilen z.B. der Wurzel (Rübe) oder Blatt (Kohlkopf) stattfinden kann. Wichtig sind die zwei Prozesse: Bildung von nahrhaften Substanzen und artgerechtem Geschmack.

Die Substanzen der Kulturpflanze wie Eiweiße, Fette, Kohlenhydrate und Minerale entstehen im lebendig fließenden Prozess. Erst beim Abbau werden sie in ihrer artspezifischen Qualität von unserer Verdauung erkannt und entsprechend verändert. Dieser Verdauungsprozess ist eine Art Wahrnehmung und erfordert sehr viel Bewegung (z.B. Darmperistaltik, Enzymtätigkeit). Jede Bewegung können wir der menschlichen Willenstätigkeit zuordnen.

Die Geschmacksbildung hat mit der Reifung der Kulturpflanze zu tun. Reife zeigt sich, wenn die gebildete Substanz von artgerechtem Geschmack durchdrungen ist. Dies ist ein Prozess der Verinnerlichung der Pflanze. Bei solcher Fruchtbildung sprechen wir manchmal von Fruchtfleisch. Damit bezeichnen wir etwas, das auf eine Art von Inkarnation (=Fleischwerdung) hinweist. Das Wesen der Pflanze hat sich im artgerechten Geschmack ausgedrückt, nicht nur in der äußeren Gestalt. Wenn eine Kulturpflanze richtig gut schmeckt, dann sprechen wir sogar vom himmlischen Geschmack, was auf die Herkunft dieser Kräfte verweist. Die Verinnerlichung, die sich in der Geschmacksentstehung in der Fruchtsubstanz ausdrückt, macht eine Pflanze zur Kulturpflanze. Mit dieser Eigenart der kultivierten Geschmacksbildung dient sie dem Seelischen und der Ich-Natur des Menschen. Auch ein Mensch, der sein Wesen, seine Seele und sein Ich verinnerlicht hat, ist reif. Der biologisch-dynamische Anbau hat genau hier seinen Ansatz und gibt der Kulturpflanze durch die biologisch-dynamischen Präparate ein gesundes Wachstum und einen artgerechten Geschmack. Dies ist jedoch nicht selbstverständlich. Einseitigkeiten in der Substanzbildung, fehlender oder untypischer Geschmack sind durchaus nicht selten im Lebensmittelangebot. Dagegen werden die biologisch-dynamischen Präparate gerade für die Kräftigung und Harmonisierung der Prozesse Reifung und Substanzbildung eingesetzt.

 

Der Leib als lebendes Instrument des Geistes

Was geschieht nach dem Wahrnehmen des Essens und dem Verzehr? Der Geschmack als umfassender Sinnesprozess ist durch die Kulturpflanze entstanden, weiter veredelt durch den Koch, wahrgenommen durch die Sinnesorgane des Menschen und durch das Blut bis in die Tiefen der Organe getragen. Damit werden die Organe Ich-bewusst, das heißt, sie nehmen die Impulse der Sinneswahrnehmung auf. Auf der anderen Seite trägt das Blut die durch die Verdauung angeregten Kräfte bis in das Nerven-Sinnes-System, um der Wachheit zu dienen und einen beweglichen, aber auch geformten Gedankenprozess zu ermöglichen. Diese zweifache Qualität unterstützt also sowohl den seelischen und Ich-durchdrungenen Menschen wie auch seinen von Leben durchströmten Leib als Träger der Gedanken.

Mit dieser Einsicht kann deutlich werden, wie wichtig die Anbauweise für die Ernährung und das seelisch-geistige Leben des Menschen ist. Die Anwendung von Kunstdünger führt zu einem zu üppigen Wachstum und schlechterer Haltbarkeit der Produkte auf der einen Seite. Dies setzt sich im Menschen fort, indem die Verdauung durch diese Nahrung nur schwache Bewegungsimpulse erhält. Gleichzeitig wird der Körper durch die Verminderung des artgerechten Geschmacks seinem Ich entfremdet. Seele und Geist können sich nicht mehr genügend mit dem lebendigen Körper verbinden mit Folgen für die menschliche Entwicklung. Tiefgreifend ist also der Einfluss der Ernährung. Diese Tatsache sollte man in unserer Zeit nicht mehr übersehen.

 

Autorennotiz: Ulrike von Schoultz ist Heilpädagogin und gibt seit vielen Jahren Ernährungskurse. Sie lebt in Järna, Schweden. Email: ulrike@telia.com

 *Die 12 Sinne des Menschen können auf den Tierkreis mit seinen 12 Tierkreisbildern bezogen werden.

Aus dem Ernährungsrundbrief 4-2009